Heimatmuseum Seulberg

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Im Wald da sind die Räuber ...


 

 

Vom Heiden-Ernst und Schinderhannes

Im Gefolge von Kriegen, in Zeiten von Not und Unsicherheit stieg die Zahl der Recht- und Ehrlosen,
der Verarmten und sozial Entwurzelten stark an. Viele Soldaten fanden nach Dreißig- und
Siebenjährigen Krieg nicht mehr ins bürgerliche Leben und organisierten sich in Banden.
Andere, etwa die gesellschaftlich ganz unten Stehenden, sahen in Raub, Geiselnahme oder
dem Erpressen von Schutzgeld eine Möglichkeit, dem Elend zu entkommen.
Die Obrigkeit fragte freilich nicht nach den Gründen für Gesetzesbruch. Mit drakonischen Strafen,
wie sie die Constitutio Criminalis Carolina von 1532, auch „Peinliche Halsgerichtsordnung“ genannt,
festlegte, sollte der Rechtsfrieden bewahrt werden. Folter galt demnach als zulässig, und schon für
Straßenraub war die Todesstrafe vorgesehen.


 

 

Die dichten Wälder der Mittelgebirge boten den Gesetzeslosen ideale Operationsgebiete.
Abseits gelegene Mühlen und allein stehende Höfe dienten als Unterschlupf,
waren aber auch leicht zu überfallen. Sagen erzählen von der Kapersburg
(Ruinen eines Römerkastells) als Räubernest.

Berühmtheit erlangte der Räuberhauptmann Johannes Bückler, alias „Schinderhannes“.
Der Sohn eines Schinders, also eines Beseitigers von Tierkadavern, trieb auf dem Hintergrund
der Revolutionskriege um 1800 sein Unwesen in Hunsrück und Taunus.

Das Schicksal von „Heiden-Ernst“ konnte Bückler dabei nicht schrecken.
Der Anführer einer überwiegend aus Zigeunern (im Volksmund: „Heiden“) bestehenden Bande
überfiel 1763 einen Postwagen und erbeutete über 40 000 Gulden und andere Wertgegenstände.
In ihrem Versteck, der Lochmühle zwischen Köppern und Wehrheim, konnten die Verbrecher
bald dingfest gemacht werden. Der zunächst geflohene „Heiden-Ernst“ wurde im Pfälzer Wald
aufgespürt und in Neckargemünd gehängt.
Schinderhannes kam mit 19 seiner Spießgesellen 1803 in Mainz aufs Schafott.

Seltener waren Überfälle in geschlossenen Ortschaften. Mauern und Torwachen verhinderten
das Eindringen ungebetener Gäste. Wie für Friedrichsdorf und Seulberg überliefert,
kontrolliert man streng jeden Fremden, schon um das Einschleichen getarnter Hausierer oder Bettler
zu verhindern. Der Landesherr verbot sogar bei Strafe, Verdächtige zu beherbergen oder in Dienst
zu nehmen. Am wirksamsten erwies sich der Selbstschutz durch die Bürger. Als bewaffnete Streifen
(in Seulberg: „Schützen“) durchkämmten sie die Wälder nach Diebesbanden.
Bei Gefahr riefen fünf Glockenschläge die Bürgerwehr zu ihrem Sammelplatz.

Erst als die öffentliche Ordnung nach 1800 in Auflösung geriet, häuften sich die Meldungen
von Übergriffen in den Dörfern. So fiel 1810 der Seulberger Bäcker Jost Scheuer unter die Räuber.
Da die ausgehändigten 18 Kreuzern den Dieben zu wenig waren, verprügelten sie den Mann so arg,
bis er gehunfähig am Boden lag. Mit dem Ende der Napoleonischen Kriege nach 1815 verbesserten
sich die Rechtsverhältnisse zusehends. Das Bandenwesen hatte ein
Ende.

Überliefert sind einige Steckbriefe mutmaßlicher Straßenräuber. Die Fahndungsaufrufe ergingen
als „Fiat Generale“ an sämtliche Polizisten im Umkreis des letzten Aufenthaltsorte der Gesuchten.

Um 1800 lautete ein „Signalement“(Personenbeschreibung) etwa:
"Der langbeinichte Conrad, Alter 25 bis 28 Jahre, 5 Schuh 6 bis 7 Zoll,
schlank gewachsen. Haare braun und kurz, wie bei Bauern geschnitten.
Stirn, bedeckt mit Haaren. Dunkle Haare und Augbrauen, wie die Kopfhaare.
Augen, braune. Nase, spitz. Mund, mittler. Kinn, eckig. Gesicht, mager.
Trägt einen dreieckigen schwarzen großen Hut, braunen gestreiften Überrock,
eine dunkelblaue gestreifte Weste, braune kurze Hosen, einen Schuh mit Schnalle
und einen Stiefel. Trägt eine schwarz und weiß gestreifte Tasche mit sich herum."

 

 

Wilddiebe

Die Geschichte des Wilderns ist die des Jagdrechts.
Als der Adel die Jagd als sportliche Herausforderung pflegte, wurde schließlich den Bauern
das Hohe Recht der Jagd entzogen und unter Strafe gestellt. Fortan kam bei den Dörflern
Wildbret höchst selten auf den Tisch. In Seulberg durften Männer ihrer schwangeren Frau
zur Kräftigung Wild schießen. In Krisenzeiten bot die Wilderei
eine Möglichkeit, die Familie zu ernähren.

Gleichwohl kam es noch lange zu kriminell motivierten Wilddiebstählen. Zuletzt waren es in der hiesigen
Region Vater und Sohn
Mieger, die bei ihren Streifzügen im Taunus auch vor Mord nicht zurückschreckten.
Für die Tötung von Forstmeister Birckenauer 1917 und der von Jagdhüter Ernst Hofmann bei Köppern
zwanzig Jahre später kam Vater Mieger 1938 unter das Fallbeil – sinnigerweise das selbe,
mit dem Schinderhannes geköpft wurde. Der Sohn erhielt eine langjährige Zuchthausstrafe und kam
zeitweilig in ein SS-Strafbataillon.