Heimatmuseum Seulberg

Sulinchen macht Spass!

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Gasthäuser in Seulberg

Im Mittelpunkt das Gasthaus

Neben Kirche und Rathaus bildeten Gasthäuser seit jeher den gesellschaftlichen Mittelpunkt einer Dorfgemeinschaft.
Schon die Lage der besseren Häuser am Marktplatz signalisierte ihre Bedeutung. Entsprechend achtete die Obrigkeit
in einer Mischung aus Misstrauen und Fürsorge auf das Treiben in den Wirtsstuben. Durch Konzessionierungen,
die Regelung von Öffnungszeiten („Sperrstunden“), Preis- und Schankvorschriften sollte es gesittet zugehen,
aber auch das Publikum vor Übervorteilung geschützt werden.

 

 

 

 

Aus der jüngeren Vergangenheit Seulbergs sind die Namen von sieben Gaststätten überliefert, darunter „Deutsches Haus“,
„Zur Rose“ und „Homburger Hof“ / Volzenhof. Sie besaßen in der Regel große Säle, unverzichtbar für Familienfeiern und als
Versammlungsort der zahlreichen Vereine, für Tanz, Theater oder politische Veranstaltungen. Wichtig war der öffentliche Raum
auch bei jederart von Verhandlungen. Zur Bekräftigung eines Vertragsabschlusses gehörte der gemeinsame Umtrunk.
Der nicht nur dabei bevorzugte Branntwein bescherte dem Landesherrn und später dem Staat beträchtliche Zusatzeinnahmen.

Handel und Brennen unterlagen der Genehmigung und entsprechend scharfer Kontrollen. Noch vor dem Destillationsvorgang war
die „Maischsteuer“ zu entrichten, erst dann durfte die „Brennblase“ entsiegelt werden. Für 1 Ohm (160 Liter) erhob man 1 bis 10 Gulden,
gestaffelt nach Alkoholgehalt und der Verkaufsart: verschlossen oder ausgeschenkt. Nur der Haustrunk war abgabenfrei.
Spirituosen trank man in ungleich größeren Mengen als heute. Gegen den Missbrauch kursierten seit dem 19. Jahrhundert amtlich
geführte „Säuferlisten“. Wer darauf stand, sah sich doppelt ausgegrenzt: Zum Alkoholverbot kam die öffentliche Stigmatisierung als
Trinker, er war seitens der Behörden nahezu entmündigt.

 

Bei Weib und Wein und bei Gesang

Wird keinem hier die Zeit zu lang

Tanze, turne, trink und singe

Denn das sind vier schöne Dinge.

 

Willst Du einmal spannen aus,

kehre ein im „Deutschen Haus“

Iß was Gut’s und trink dabei

Den selbstgekelterten Apfelwein.

Das Kegeln macht hier wirklich Spaß,

wenn du die Übung hast.

 

 

Wenn am Sonntagabend die Dorfmusik spielt“

Zum unverzichtbaren Vergnügen gehörten früher Tanz und Musik – und nicht allein zu besonderen Anlässen
wie Hochzeiten oder Jubiläen. Am Wochenende spielten in jedem Gasthaus Kapellen. Das Repertoire orientierte
sich an eingängigen Liedern („Gassenhauern“), was auch populäre Operetten- und Opernthemen einschloss.
Erst das Aufkommen der „Juke-Box“ in den fünfziger Jahren drängte die Livemusik zurück.


In der frühen Nachkriegszeit feierten viele Orchester unter dem Einfluss amerikanischen Swings ihre größten Erfolge.
Überregionalen Ruf erlangte hierbei das Seulberger Septett der „6 Kometen“. Auch „Die goldene 6“ hatte ihr Publikum,
das sich in entbehrungsreicher Zeit nach leichter Unterhaltung sehnte, während vielen Flüchtlingen „ihre“ Musik ein Stück
der angestammten Heimat bewahrte.

Vor 1933 gab es nur ein Kriterium für das Dargebotene – erlaubt war, was gefiel. Abendliche Sperrstunden sowie die Sonn-
und Feiertagsheiligung mussten freilich beachtet werden, das hieß, bis 15 Uhr blieben die Instrumente eingepackt.
Bereits als „Exzess“ wurde es da laut Polizeiprotokoll gewertet, als 1868 in der „Runkel’schen Wirtschaft“ eine Stunde früher
geschwoft wurde. Gesittet ging es bei Bällen zu. Am Eingang erhielten die Damen neben einem Präsent die sogenannte Tanzkarte.
Darauf waren alle geplanten Musikstücke gelistet. Im freien Feld daneben konnten sich potenzielle Tanzpartner eintragen.

Ein besonderes Stöff´che

Vom Baum in den Bembel

Das südhessische Nationalgetränk, der Apfelwein, hat auch in Seulberg eine lange Tradition.
Dank ausgedehnter, für den Ackerbau weniger geeignete Flächen, standen hier zahllose Obstbäume.
Gekeltert wurde natürlich selbst oder den Gastwirtschaften zugeliefert. Wegen ihres säuerlichen Geschmacks
bevorzugte man traditionelle Sorten wie „Schafsnase", „Kaiser Wilhelm“ oder „Roter Boskopp". Heutige Apfelsorten
enthalten mehr Fruchtzucker, um dem nivellierten Geschmacksempfinden entgegen zu kommen.

Von jeher wurden dem „Stöffche“, wie der Apfelwein auch heißt, viele positive Eigenschaften nachgesagt. Ob kalt oder heiß getrunken,
es erfrischt und beugt (Erkältungs-)Krankheiten vor. Mehr noch: „Äppelwoi“ regt die Verdauung an, verhindert somit Magen- und
Darmkrankheiten, wirkt blutdrucksenkend und verbessert die allgemeine Durchblutung – was der Kommunikation nur zuträglich sein kann.
Als „Babbelwasser“ in geselliger Runde ist das Getränk unerreicht. Zum Trinkritual gehört der wohlgefüllte Bembel auf den Tisch, aus dem
man sich sein Glas („Geripptes“) nach Belieben nachfüllt. Mit dem Ende der traditionellen Gasthauskultur hat sich auch dieses gemeinsame
Erleben in Seulberg weitgehend verloren, vom Selbstkeltern nicht zu reden.

 

Es Stoffche is für alles gut
es fegt de Mage, labt die Schnut,
hilft gege Rheuma, Podagra
Heufiewer, Gicht und Cholera
bringt flotten Gang stets ohne Qual
daswege is es so gesund
so laut de ärztliche Befund.