Heimatmuseum Seulberg

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Hexenverfolgung

 

 

 

Als im Homburger Land der Teufel los war

Hexen und Henker

 

Einem der dunkelsten Kapitel der europäischen Geschichte, den „Hexenverfolgungen“
des 16. und 17. Jahrhunderts,
wurden auch im Homburger Land einige schwarz gerahmte Seiten
hinzugefügt. Diese sind im Wortsinn dicht beschrieben, da alle Verhöre akribisch protokolliert wurden.
So weiß man, dass es erstmals 1584 und 1603 zu Todesurteilen wegen „Zauberey“ kam.
Die Angst vor Hexen oder dem Teufel steigerte sich auf dem Hintergrund von Seuchen, Missernten
und Kriegsfolgen schließlich zur Hysterie. Bei der Prozesslawine 1634 rettete noch die Befreiung
durch schwedische Soldaten 14 Inhaftierte vor dem Scheiterhaufen, während bei der nächsten
Klagewelle 1652 bis 1656 niemand mehr den Beschuldigten beistand. Fast 70 Menschen wurden
hingerichtet, darunter 31 Seulberger: Frauen, Männer, Jugendliche und selbst zwei Kinder.
 

Ausgelöst wurde die Hexenjagd durch Anzeigen aus der Bevölkerung, insbesondere gab die „Müller Elß“
Anlass zu Misstrauen. Vermutlich machten sie ihre Heilkünste verdächtig. „Zeugenaussagen“ von Kindern
reichten aus, um sie und weitere Personen seit Juli 1652 in den Kerker zu bringen.
Unter der Folter gestanden alle die bizarrsten „Verbrechen“:
Teufelsbuhlschaft, Fahrt zu Hexentanzplätzen, das Herbeizaubern von Tieren, den Einsatz vergifteter Salben,
das Verwandeln in Werwölfe oder auch, als hiesige Variante, Teufelstaufen mit „schwarzem Wasser“.

Keine der erpressten Aussagen konnte abwegig genug sein, um nicht von den gnadenlosen Anklägern
der Homburger Landgräfin Margaretha Elisabeth ernst genommen zu werden. Es genügten auch nicht
„Geständnisse“, vielmehr mussten weitere Mitbürger denunziert werden. So zog eine erzwungene
Anschuldigung die nächste nach sich, und am Ende stand immer das Todesurteil, zumeist durch
Verbrennen auf dem Homburger Platzenberg. War das Gericht gnädig, tötete man die Verurteilten
in der „Hexenhütte“ durch Erdrosseln oder das Schwert und übergab sie erst dann den Flammen.
Kosten für Haft und Hinrichtung hatte das Opfer zu tragen.

Wie ausweglos die Lage war, zeigte eindrücklich Ursula Krausert,
die mutig ihre im „peinlichen Verhör“, also unter der Folter gemachten Angaben widerrief:
„Wenn sie die Wahrheit sage, glaube man ihr nicht, sage sie Lügen,
so wären es ihrer nicht genug; sie wisse also nicht, was sie tun solle,
eine Zauberin sei sie nicht."

Es nutzte nichts. Gemeinsam mit ihrem Ehemann, der sich für ihre Freilassung eingesetzt hatte,
kam auch sie auf das Schafott. Als letzte der Seulberger „Hexen“ wurde am 14. Februar 1656
die 16-jährige Liese Kitz hingerichtet. Angesichts der Torturen empfand sie den Tod als Befreiung:
„Die glücklichsten sind die, die man tötet“, hielt der Gerichtsschreiber ihre erschütternde Aussage fest.
 

Nur erahnen lässt sich, was die Prozesse für das Zusammenleben der
Menschen im „Hexennest Seulberg“, wie es damals hieß, bedeuteten.
In gut drei Jahren starb etwa jeder sechste Einwohner auf dem
Richtplatz, noch über Generationen hing den betroffenen Familien das
Odium des Hexenverdachts an. Doch die Obrigkeit hatte gelernt und
erkannte hinter den Anzeigen Streitigkeiten unter Nachbarn oder
Eheleuten. Deshalb wurde 1669 bei „20 Reichstaler Buße“ verboten,
üble Nachreden „wegen Hexerei und Hurerei“ anzustellen.

 

Die verhexten Kinder – unschuldig oder Satansbraten?

 

Täter und Opfer

Eine zentrale Rolle bei der Homburger Hexenverfolgung zur Mitte des 17. Jahrhunderts
spielten Kinder. Auf die Aussagen von Fünf- bis Zwölfjährigen stützte sich die Anklage
wegen
Teufelsbuhlschaft, Hexenflug oder Taufen mit „schwarzem Wasser“.
Die zunächst vom Seulberger Pfarrer Christian Zahn verhörten Kleinen mussten ihre Angaben
vor den landgräflichen Beamten wiederholen. Zur Belohnung gab es Wein und Weck.
Die Beschuldigungen aus Kindermund bedeuteten nicht nur das sichere Todesurteil
der benannten Personen, darunter nächste Angehörige.
Zwei Zehnjährige starben auch selbst auf dem Schafott
.

 

Für die Gründe der kindlichen (Selbst-)Bezichtigungen können nur
die Prozessakten befragt werden. Sicher ist, dass die Aussagen nicht
allein der Phantasie entsprungen sind. Diese fügten sich in die
Erwartungshaltung eines Umfeldes, dessen Vorstellungswelt von
Dämonen, Schadenszauber, Hexen und dem Leibhaftigen beherrscht
war. Bestätigt wurde von scheinbar unschuldigen Kinderseelen, was der
allgemeinen Voreingenommenheit entsprach. Nach Zählung von Pfarrer
Zahn waren im Juli 1653, also ein Jahr nach Beginn der Hexenjagd,
29 Kinder „von den Unholden und Zauberinnen zu des Teufels
gehaltenen garstigen und säuischen Bad der vermeinten Taufe geführt
worden.”

Dennoch haben die Heranwachsenden mit ihren detaillierten Aussagen einen aktiven Part übernommen.
Sie durften sich gar der besonderen Obhut von Landgräfin Margaretha Elisabeth gewiss sein. Wer es wagte,
die Jüngsten „Teufelskinder“ zu rufen, ließ die Homburger Regentin von der Seulberger Kirchenkanzel verkünden,
werde „gestraft, das sich die übrigen daran spiegeln können“. Soviel Fürsorge und Aufmerksamkeit haben sie,
die Kinder einer kargen Welt der Bauern und Handwerker, vermutlich nie zuvor erfahren.
Ungehemmt nutzten die Mädchen und Jungen diesen Freiraum. Niemand schützte sie vor sich selbst
- sie waren Opfer und Täter zugleich.

 

 

3.7. 1652

Anna, die fünfjährige Tochter des Hans Peter Fuchs, wiederholt vor Pastor Zahn, Schultheiß Chelius und Schulmeister Orth ihre Aussagen, die Müller Els könne zaubern:

 

Aus dem Protokoll vom 3. Juli 1652:

 

2. Daß jetztgedachte Elsa, wie auch Blasius und dessen Frau Anna mit einem spitzen Holze, damit sie in ihrer Stube auf die Bank gestippt und gestochen, viel schwarze Mäuse, so aus den Löchern hervorgelaufen, desgleichen Fledermäuse, .... Schlangen und Schießottern ... gemacht hätten....

4. Daß die Elsa, wie auch Anna, ihre Tochter, eine jede ihren Buhlen gehabt, deren einer grün, der andere blau gekleidet.

5. Daß der eine, der grüne, so alt, bey Elsa in ihrem Bette gelegen, der blaue aber bey der Anna auch solchergestalt. ....

6. Sagte sie weiter aus, dass sie auch selbst ihren Buhlen habe. ....

7. Daß sie auch in der Stube von ihrem Buhlen getauft sei worden, der ihr das Wasser in die Anke gegossen und versprechen müssen, ihm zu folgen, nunmehr noch vergangenen Sonntag ... befohlen, niemand etwas davon zu sagen sonst wolle er sie schlagen.